Glückskind Emy und ihr intrahepatischer Lebershunt

Veröffentlicht am 2. Oktober 2024 um 23:57

Im August 2023 kam Emy über eine Tierarztpraxis in Münster zu unserem Verein. Sie sollte bei uns „einfach nur ein bisschen gepäppelt werden“, weil die Besitzerin überfordert war. Als Emy bei uns war, stellte sich heraus, dass es viel mehr Arbeit sein würde, ihr ein gutes Leben zu ermöglichen. 

Als Emy zu uns kam, gaben uns ihre Symptome mehr Fragen als Antworten auf - unterentwickelt, neurologisch auffällig, insgesamt vom Verhalten her speziell. Wir begaben uns auf die Suche und konnten sämtliche wahrscheinlichsten Diagnosen mit unserer Tierarztpraxis gemeinsam nach und nach ausschließen. Immer wenn wir gerade dachten, dass Emy nun über den Berg ist, ließ sie sich etwas Neues einfallen. An einem Tag fiel sie zum Beispiel vom Schrank und war danach komplett von Sinnen und nicht ansprechbar. An einem anderen Tag war sie plötzlich blind. Dann hing sie plötzlich zitternd in der Ecke und schrie aus Leibeskräften. Insgesamt waren es nervenaufreibende Wochen mit ihr. Es kam der Tag, an dem Emy mit Untertemperatur und nicht ansprechbar stationär beim Tierarzt blieb.

Klingt alles erst einmal nicht nach Glückskind? Oh doch, Emy ist wohl das größte Glückskind, was wir jemals hatten. Denn nach diversen langen Gesprächen entschlossen wir uns an diesem Tag, Emy einzuschläfern, da sich ihr Zustand immer weiter verschlechterte und uns langsam die Ideen ausgingen, wie wir ihr noch helfen könnten. Wir fuhren also in die Tierarztpraxis, um uns die kleine Maus noch ein letztes Mal selbst anzuschauen und sie dann in unserem Arm für immer einschlafen zu lassen. Als hätte sie es geahnt, hob sie auf unsere Ansprache hin direkt den Kopf, sprang auf, gab Köpfchen und miaute uns hilfesuchend an. Die Euthanasie war somit natürlich vom Tisch und das Rätselraten ging weiter. Unsere Haustierarztpraxis schmiss die Verdachtsdiagnose Lebershunt in den Raum und überwies uns an die Tierklinik für weitere Diagnostik. Dort hörte man sich unsere Geschichte an und befand einen Lebershunt für unwahrscheinlich. Nach Diskussion und Bettelei bekamen wir einen Termin in zwei Wochen. 

Eines Abends in diesen zwei Wochen kam ich nach Hause und fand Emy krampfende vor. Die Kamera, die ich zu ihrer Beobachtung aufgestellt hatte, um ihre Symptome im Blick zu behalten, zeigte das Ausmaß des Anfalls - Emy krampfte bereits seit fast zwei Stunden ohne Unterbrechung. Ich schnappte sie mir sofort und fuhr mit ihr in den Notdienst einer befreundeten Tierarztpraxis. Meine Hoffnungen, sie noch einmal mit nach Hause nehmen zu können, waren quasi null. Ich kannte keine Katze, die so lange krampft uns noch irgendeine Chance hat. Der Tierarzt in der Praxis kümmerte sich aufopfernd um die kleine Maus und untersuchte noch in der Praxis den Ammoniakgehalt im Blut. Dieser lag bei unfassbaren 901µmol/l und war damit 15fach erhöht. Da die tapfere Kämpferin auf das Propophol gut ansprach, bekam ich eine auf Emys Blutwerte abgestimmte Infusionslösung mit - mit einer absolut vorsichtigen Prognose, ob sie die Nacht überhaupt überstehen könnte.

Wir kämpften uns mit Wärmebett und Infusion durch die Nacht und meine Anrufe am nächsten Morgen in der Tierklinik hatten vermutlich etwas von Telefonterror. Jedenfalls durften wir am gleichen Tag noch kommen. Einen Ultraschall später stand fest: es sieht alles nach einem Shunt aus. Verkleinerte Leber, verkalkte Nieren, nur die Stelle gefunden hatte man per Ultraschall nicht. Der Verdacht war also nun ein intrahepatischer Shunt. Ein CT am nächsten Tag bestätigte den Verdacht - Emy hatte einen angeborenen intrahepatischen Lebershunt. Der ist bei Katzen super selten, aber wirklich problematisch, denn das Blut aus dem Magen-Darm-Trakt umgeht bei den betroffenen Tieren (teilweise) die Leber, sodass die Giftstoffe aus dem Blut nicht abgebaut, sondern wieder zurück in den Blutkreislauf geleitet werden. Die Toxine sammeln sich also immer weiter an und der Körper wird nach und nach vergiftet.

Das aus meiner Sicht wirklich Gemeine an der Diagnose eines intrahepatischen Lebershunts ist die Vielzahl an möglichen Symptomen. Diese reichen von Verhaltensänderungen über Krampfanfälle, Ataxie, Kopressens (Kopf gegen Wände drücken) und Blindheit bis hin zu Magen-Darm-Problemen wie Erbrechen, Durchfall, Appetitlosigkeit und Wachstumsstörungen. So viele Untersuchungen haben wir mit Emy gemacht (Blutbilder, Ausschluss diverser Infektionskrankheiten wie Toxoplasmose, Leukose und FIP, Therapieversuche mit Antibiotika und Cortison, ...) und am Ende waren das Bauchgefühl unserer Haustierarztpraxis und der alarmierend hohe Ammoniakspiegel im Blut (der übrigens nicht zum Standardblutbild gehört und auch nur von den wenigsten Praxen gemacht werden kann) die einzigen Gründe, warum wir der Erkrankung auf die Schliche gekommen sind. 

Wenn du jetzt glaubst, dass nun ab jetzt alles klar war, irrst du dich gewaltig. Emy bekam zunächst spezielles proteinarmes Futter mit nach Hause und es ging in die Planung - denn Lebershunts sind bei Katzen so selten (diagnostiziert), dass es eigentlich nur eine Klinik in ganz Deutschland gibt, die für die notwendige OP wirklich Experten vor Ort hat. Es galt also zunächst einmal zu klären, ob Emy überhaupt in 'unserer' Klinik operiert werden könnte oder ob wir mit ihr in die Klinik nach Gießen fahren müssten. Zum Glück traute sich der betreuende Internist nach Rücksprache mit Gießen die OP zu und es wurde bald ernst für Emy. Aufregende, kritische Stunden, nervenaufreibende Tage und anstrengende Wochen später war sie endlich die kerngesunde, unbeschwerte Jungkatze, die sie schon immer hätte sein sollen. Bald darauf durfte sie mit ihrer neuen Freundin Belle gemeinsam ausziehen und ist weiterhin topfit und quietschfidel. 


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